Liebe Lokalpresse, da läuft was schief!

Da läuft was schief, liebe Lokalpresse (Bildquelle: Rike / pixelio.de)

Lokalpresse, quo vadis?

Normalerweise berate ich für Geld, heute mach ich das mal kostenlos. Aus Ärger. Es stößt mir schon lange auf, wie Lokalzeitungen, die ich persönlich für das unauffällige Rückgrat unserer Medienlandschaft halte, ihren Job nicht verstehen, nicht machen oder schlicht ignorieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Bielefelder Neue Westfälische. Die Leute in Geschäftsleitung und Redaktion machen eine Menge richtig, aber auch eine Menge falsch.

Richtig ist beispielsweise das samstägliche Magazin mit Berichten über Orte in OWL und einer Pro-Contra-Diskussion zweier Redakteure, die in eine Umfrage unter den Zuschauern mündet und im Web fortgesetzt wird. Das ist informativ, lokal, das macht Spaß zu lesen und regt den Leser zum Mitmachen an. Auch Rouven Ridders Testballon in Sachen sublokalem Journalismus ist lobenswert, innovativ und durchaus gut gemacht.

Ganz falsch ist hingegen das Selbstverständnis. Die Zeitungen  (die NW wie die meisten anderen Lokalblätter, die ich kenne. Man möge mir die Generalisierung verzeihen.) sehen sich immer noch als zentrales Informationsmedium. Immer noch scheint der Traum in den Köpfen herumzugeistern, nach dem das eigene Blatt vielleicht auch mal überregional gelesen wird. Das und das notorische “Das haben wir immer so gemacht” sind die einzigen Gründe, die mir einfallen, warum die Frontpage immer überregionalen Nachrichten gewidmet ist.

Rouven Ridders Blog rund um den Siegfriedsplatz (Bildquelle: Screenshot nw-news.de)

Das kenn ich doch alles schon!

Der durchschnittliche Mediennutzer hat am Tag zuvor TV gesehen und ist im Internet gesurft. Am Beispiel Japan wird das Problem besonders deutlich. Die Nachrichten über Erdbeben, Tsunami und Reaktorunglück erreichten uns am 11. März am Morgen über Twitter, Radio, Facebook, Fernsehen und Webseiten. Nahezu alle Zeitungslesen wussten über die Geschehnisse sehr gut Bescheid. Was mache ich als Journalist nun in der nächsten Ausgabe? Ich gebe meinem Leser etwas, dass er noch nicht weiß, dass er in anderen Medien nicht oder nicht so leicht bekommt. Hintergründe. Lokale Beziehungen. Detaillierte Prognosen.

Was gab es in der NW? Eine Frontpage aus einem einzigen, riesigen Bild, dass den Frühstückskaffee wieder die Speiseröhre herauftreibt. Ja, ich weiß, Kioskverkauf. Die Argumentation ist jedoch total schizophren. Wegen ein paar Mücken von Käufern, die sich heute statt der Bild für die NW entscheiden, beleidige ich den treuen Stammleser und Abonnenten mit Schockphotos. Statt die Nachrichten zu “twisten”, das Rad ein Stückchen weiterzudrehen, kriege ich den gleichen Sermon zu lesen, den ich schon gestern gehört/gesehen/gelesen habe.

Same shit, different Name!

Und wo kommt der immer gleiche Inhalt her? Genau, aus den Agenturen. Welchen Wert hat ein erstes Buch für mich, dessen Inhalt zu sehr großen Teilen aus Agenturmeldungen mit neuer Überschrift besteht? Den Höhepunkt dieses Agentur-Nonsens’ habe ich heute morgen auf der Frontpage angetroffen. in der unteren rechten Ecke ist immer ein kleiner Kasten für Durchfall-Meldungen reserviert. Durchfall, weil die Nachrichten dort sehr, sehr, sehr weich sind. Üblichweise wird darüber palavert ob Rotwein nun Krebs erzeugt oder heilt. Häufig werden auch die Ergebnisse der neuesten Umfrage der Blitz Illu unter 14 Hausfrauen verbreitet. “60 Prozent der deutschen Frauen mögen Schnauzbärte”. Hmm, ja klar.

Ein Hubschrauber, der mit Merkel soviel zu tun hat, wie die Merkel-Meldung mit Journalismus (Christoph Aron (www.pixelmaster-x.de) / pixelio.de)

Heute berichtete die dpa vom Hubschrauber unserer Kanzlerin, hier die Meldung bei rp-online.de. Zusammengefasst besteht der Nachrichtenwert der Meldung aus folgendem: Wenn Kanzlerin Merkel – statt mit dem Auto zu fahren – im Hubschrauber gesessen hätte, dann hätte sie a) wahrscheinlich den Magen entleert und hätte sich b) in Lebensgefahr befunden. Kaum zu glauben!

Also liebe Leute in den Chefetagen der Lokalblättchen (den Journalisten muss ich das nicht erzählen, die wissen das), bitte überlegt Euch doch mal wieder, was Ihr selbst gerne lesen würdet. Und dann macht das doch einfach. Klar, qualitativ hochwertiger Journalismus kostet Geld. Aber wenn Ihr den nicht bezahlen wollt, werdet Ihr bald nicht mal mehr minderwertigen bezahlen können. Weil Ihr Pleite seid.

 

 

 

Über Jan Saarmann

Melange aus PR-Berater, SEO-Consultant, Journalist, Bücherwurm, Gitarren-Dilettant, Kulinariker und Spiele-Liebhaber (analog wie digital). Je nach Tagesform, Zeit und Laune verschieben sich die Ausprägungen der einzelnen Bestandteile.

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